Copyright 2015 Matthias Leitner

By Matthias Leitner in Interactive

„ES IST EINIGES IN BEWEGUNG“

Ein kurzes Interview zu meinem Schwerpunkt Interactive Media auf dem DOK.fest München. Geführt von Anne Thomé

Interactive Media ist in aller Munde. Worum geht’s dabei und wie neu ist das Phänomen eigentlich?
Spätestens seit es Computerspiele gibt, kann man von „Interactive Media“ sprechen. Auch die Versuche, klassische Filmerzählungen interaktiv erfahrbar zu machen, sind nicht neu. Allerdings ist das, was wir beim DOK.forum als „Interactive Media“ bezeichnen, in seiner Ausgestaltung mit Formaten wie Webdocs und Doku-Games eine Entwicklung der 2000er-Jahre.
Im Kern geht es um das Erproben neuer technischer Möglichkeiten, die den Machern neue Erzählweisen bieten und den vormals passiven Zuschauer zum aktiven User werden lassen. Erst durch die Interaktion wird die Erzählung erfahrbar. Durch das Internet, durch Devices wie Smartphones und Tablets, durch Videogames hat sich das Nutzerverhalten stark verändert. Teilhabe ist hier ein zentraler Begriff.

Wie muss man sich den prototypischen Interactive Media-Nutzer vorstellen?
Der ideale Nutzer ist technikaffin, neugierig und gibt gerne Feedback. Laut Schätzungen hat der durchschnittliche 18-jährige Gamer heute eine Videospielerfahrung von 10.000 Stunden – das entspricht etwa der Schulzeit bis zur mittleren Reife. Auch die 30-Jährigen von heute sind durch den täglichen Umgang mit digitalen Medien ein hohes Maß an Interaktion gewohnt. Für diese Zielgruppen müssen wir als Dokumentaristen und Erzähler die richtigen Geschichten finden, die richtigen Angebote entwickeln.

Wirft Interactive Storytelling denn alles über den Haufen, was wir bisher über Dramaturgie wussten?
Die Art und Weise, Dramaturgie zu denken, verändert sich graduell, ohne dass dadurch konventionelle Formen überflüssig werden. Allerdings müssen interaktive Formate die Handlungsweise des Users immer mitberechnen. Dabei darf man nicht durch zu viele oder zu unkonkrete Möglichkeiten überfordern, man darf aber auch nicht bevormunden. Zu den klassischen Filmdramaturgien gesellt sich hier also noch eine Form des Games Design oder Interaction Design.

Das Potential interaktiver Formate ist riesig. Der User kann direkt eingebunden und auf unterschiedliche Weise bestimmender Teil des Projekts werden. Einerseits kann er sich als Detektiv und Rechercheur ausleben, auf seine persönliche Reise gehen und der Filmemacher kann direkt mit der eigenen Community in Kontakt treten.

Darüber hinaus können interaktive Formate Erlebnisse ermöglichen, die im Film so nicht erfahrbar sind. In einem Indie-Game wie „Papers, Please“ wird mir beispielsweise gezeigt, wie das Leben als Grenzposten in einem kommunistischen Staat sein muss. Die Interaktion bei diesem Game, das ich als dokumentarisch bezeichnen würde, besteht in einer kompletten Überforderung. Ich komme als Spieler nicht hinterher, alle Anordnungen der Partei umzusetzen und erlebe die Situation ganz direkt. Sie wird mir nicht nur gezeigt oder beschrieben.

Durch interaktives Storytelling wird also ein neuer Kosmos an Erfahrung aufgemacht. Für den Dokumentaristen öffnet sich eine neue Dimension, in der er Erzählen und sein Publikum in das eigene Projekt einbinden kann.

Interactive Media-Projekte entstehen im Austausch verschiedenster Spezialisten – Journalisten, Filmemachern, Grafikern und Games-Designern. Welche Vorteile, welche Konflikte gibt es da?
Konflikte gibt es immer, auch wenn zwei Filmemacher im Schnittraum sitzen. Wer aber heute nicht interdisziplinär arbeitet, der verpasst die ganz große Chance, den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern. Neue Perspektiven und Sichtweisen sind befruchtend. Das Arbeiten im Dialog, im Team kann ein großer Kreativitätsfaktor sein.

Nicht umsonst schauen in Deutschland alle neidisch auf die amerikanischen Writers’ Rooms, in denen die tollen Serien geschrieben werden, die wir hierzulande auch gerne hätten. Da sitzt nicht das einsame Autorengenie und ringt mit seinen Ideen und Gefühlen. Stattdessen erarbeitet sich ein Team von Autoren in einer Planungszentrale gemeinsam den kreativen Kosmos. Im Falle von „Interactive Media“ ist das Arbeiten im Team ein Muss. Wer den Programmierer, den Designer, den Community Manager zu spät ins Boot holt, der hat schon verloren.

Obwohl Fernsehredaktionen und Produktionshäuser immer mehr interaktive Formate entwickeln, fällt der Strukturwandel insgesamt schwer. Woran liegt das und was muss sich deiner Meinung nach ändern?
Es müssen entsprechende Kompetenzen entwickelt und in das eigene Organigramm sinnvoll implementiert werden. Das ist ein langer Prozess. Wer weiß, wie behäbig große Bürokratien – was Medienhäuser nun einmal auch sind – operieren, der weiß auch, dass dieser Übergang nicht von heute auf morgen funktioniert. Durch die Projekte, die in Kanada und Frankreich entstehen und durch die Arbeiten, die Zeitungshäuser wie die New York Times oder der britische Guardian regelmäßig vorlegen, werden aber auch die deutschen Redaktionen immer neugieriger auf dieses Thema. Außerdem gibt es auch hierzulande schon erste tolle Projekte wie z.B. das Transmedia-Projekt „Netwars“.

Die Frage, die im Moment am dringendsten geklärt werden muss, ist: Wie soll das finanziert werden? Eine gute Förderstruktur für diese Hybridprojekte gibt es bisher noch nicht. Auch die Redaktionen haben dafür keine eigenen Geldtöpfe. Deshalb müssen die Filmemacher zusätzlich eigene Geschäftsmodelle entwickeln. Bei dokumentarischen Inhalten fällt so etwas natürlich erst mal schwer. Aber auch in dieses Thema ist – denke ich – mittlerweile Bewegung gekommen.

matthias_leitner-interacitve_media1

Credit: DOK.fest