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By Matthias Leitner in Mobile Journalism

ZIEGENTEUFEL UND WELTMASCHINE

Wir wurden mit dem Teufel verwechselt, sind in tiefe, unheimliche Stollen gestiegen und über selbstgebaute Brücken gepilgert. Unsere interaktive One-by-One Performance „Weltmaschine Unterwegs“ kehrt zurück – am Staatstheater in Darmstadt am 2. und 3.Juni 2017.

Zwei Wochen lang. In einem Campingmobil. Auf engstem Raum: der Liedermacher Christoph Theussl, der Performer und Erfinder Mathias Lenz, Georg Reinhardt vom Performancekollektiv Club Real in Berlin und ich. Einer verkleidet als Ziege, der andere als steirischer Bauer, der dritte als Bäuerin, der vierte bewaffnet mit einem Smartphone. Begonnen hat unsere Reise bei der Weltmaschine des Franz Gsellmann in der Steiermark.

Weltmaschine – Die Eroberung des Nutzlosen from Matthias Leitner on Vimeo.

23 Jahre lang hat Franz Gsellmann an der Weltmaschine gearbeitet. Seine Familie hat ihn für verrückt gehalten. Die Dörfler der Steiermark haben ihn für verrückt gehalten. Auch wir halten ihn für verrückt. Viel mehr noch aber, für ein Genie – Gsellmann hat das Nutzlose erobert. Seine Weltmaschine verweigert sich der Produktion, sie will um ihrer selbst willen schön gefunden werden.

Gsellmann war ein oststeirischer Bauer, der von 1958 bis zu seinem Tod 1981 an einer Maschine baute, die nichts produzierte und keinen erkennbaren Zweck erfüllte. Zeit seines Lebens stand Gsellmann unter massivem Erklärungsnotstand seiner Familie und seinem sozialen Umfeld gegenüber, was die Rechtfertigung seiner Tätigkeit anbelangte. Heute ist die Maschine, die noch immer in demselben Schuppen in Gsellmanns Heimatdorf steht, eine Sehenswürdigkeit für Menschen aus aller Welt.

„Weltmaschine Unterwegs“ setzt sich mit dem Erbe Gsellmanns auseinander und wir haben moderne Gsellmänner und Gsellfrauen getroffen. Zum Beispiel Renate Theissl, die im Alter von 13 Jahren angefangen hat Modellbrücken zu bauen, der inzwischen ihr eigenes Museum gestiftet wurde und die eine Sozialutopie entwickelt hat: Ihrer Meinung nach sollten alle Menschen unter Brücken leben. Oder Michael Altmann, der vor über 50 Jahren damit begonnen hat, unter seinem Ferienhäuschen in der Nähe von Linz, einen Tunnel zu graben, diesen künstlerisch auszuschmücken und der damit seine Weltkriegstraumata aufarbeitet.

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Credit: Matthias Leitner

Aus diesen Begegnungen und vielen weiteren Anekdoten – Georg wurde beispielsweise wegen seines Ziegenkostüms vor der Gnadenkapelle in Altötting mit dem Teufel verwechselt – ist ein Theaterstück entstanden, über das die Süddeutsche Zeitung schreibt:

“Man tut, und das ist gut. Was, das erlebt man in der (…) Performance für je einen Zuschauer, die etwas Grusel und viele Tipps von Weltmaschinenbauer zu Weltmaschinenbauer enthält, ein hübsches Symbol-Sammelsurium in der Fahrerkabine des Campers, einen sprunghaften Beifahrer, strenge Gerüche und taktile Naherfahrungen mit Kunstbrüsten.”

Die gesamte Reise habe ich auf einem Blog dokumentiert. „Weltmaschine Unterwegs“ war damit auch ein Mobile Journalism-Experiment. Ausgestattet mit einem Smartphone und kostenlose Apps habe ich täglich Texte, Videos, Bilder und Töne von unserer Pilgerfahrt ins Netz gestellt.

Nach unserem Auftritt beim Festival Rodeo 2016 freuen wir  uns über die Wiederaufnahme am 2. und 3. Juni am Staatstheater in Darmstadt.